Wann feiern wir eigentlich Ostern?

April 2, 2012

Anlässlich der bevorstehenden Osterfeiertage an dieser Stelle einmal etwas zum Ostertermin, der als beweglicher Feiertag von Jahr zu Jahr auf verschiedene Kalendertage fallen kann.

In jedem Kalender, sei es elektronisch oder klassisch-konventionell, können wir Ostern zuverlässig auffinden. Und wer es für mehrere Jahre im Voraus wissen will, kann sich im Internet schlau machen. Auf Seiten wie zum Beispiel hier kann man sich – evtl. mit gewissen Einschränkungen bei zulässigen Jahreszahlen – für interessierende Jahreszahlen das Datum des Ostersonntags berechnen lassen.

Aber wie kommt das Osterdatum in unsere Kalender? Grundlage für die Berechnung des Osterdatums (gemeint ist dabei immer der Ostersonntag) ist derzeit wohl immernoch der Algorithmus, den der Mathematiker Carl Friedrich Gauss Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, also inzwischen vor gut 200 Jahren, zur Berechnung des Osterdatums entwickelt hat. Dabei hat er meinem Eindruck nach „lediglich“ (Ich will die Leistung von Gauss damit keinesfalls schmälern!) die relativ kompliziert anmutenden Vorgaben, die mit der Einführung des Gregorianischen Kalenders für die Berechnung des Osterdatums gemacht wurden, in einen Rechenalgorithmus umgesetzt, den man heute auch ganz einfach programmieren kann.

Als naturwissenschaftlich geprägte Zeitgenossin habe ich in meinen jüngsten Jahren und noch bevor ich von dem Gauss’schen Algorithmus zur Berechnug des Osterdatums (Der mathematische Fachbegriff „Gauss-Algorithmus“ ist leider anderweitig belegt, er beschreibt ein Rechenverfahren zur Lösung linearer Gleichungssysteme.) erfahren habe gelernt, dass Ostersonntag auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond festgelegt ist. Und dass man als Frühlingsvollmond den ersten Vollmond bezeichnet, der im Frühling, also nach dem Frühlingsanfang, stattfindet. Damit sind wir voll in der Astronomie, denn der Frühlingsanfang ist astronomisch als der Tag festgelegt, an dem Tag und Nacht gleich lang sind: an diesem Tag geht die Sonne am Himmel durch den sogenannten Frühlingspunkt. Dieser astronomische Frühlingsanfang kann dabei auf einen der drei Tage 19., 20. oder 21. März fallen. Der entsprechende Tag ist auch stets in unseren Kalendern als Frühlingsanfang gekennzeichnet. Damit scheint die Sache mit dem Ostertermin also eine klare Angelegenheit zu sein. Man weiß dank der Astronomie und ihrer präzisen Daten genau, wann Frühlingsanfang ist, kann den darauffolgenden Vollmond bestimmen und schon weiß man, wann Ostern ist. Tatsächlich?

Ganz so einfach scheint es dann wohl doch nicht zu sein. Knifflig wird das Ganze beispielsweise dann, wenn Frühlingsanfang und Vollmond zeitlich nahe beieinander liegen. Schenkt man der heutigen Astronomie und entsprechenden Oster- und Vollmondrechnern im Internet Glauben, dann steht uns für das Jahr 2019 folgendes Szenario ins Haus:

  • astronomischer Frühlingsanfang: Mittwoch 20. März 2019 (22:58 Uhr MEZ)
  • erster Vollmond nach Frühlingsanfang: Donnerstag 21. März 2019 (2:42 Uhr MEZ)
  • sogenannter „Frühlingsvollmond“: Freitag 19. April 2019 (13:12 Uhr MEZ
  • Ostersonntag: Sonntag 21. April 2019

Diesen Ostersonntag für das Jahr 2019 erhalten wir auch mittels der Gauss’schen Rechenvorschrift. Astronomisch korrekt wäre doch aber der Sonntag nach dem 21. März 2019, also der 24. März 2019! Ostern findet also nicht an seinem astronomisch „wahren“ Tag statt? Und überhaupt: der als „Frühlingsvollmond“ aufgeführte Vollmond ist gar nicht der erste Vollmond nach Frühlingsanfang.

Hat sich hier etwa jemand geirrt?

Die Situation, dass Ostern nicht auf den astronomisch „wahren“ Termin fällt, tritt gelegentlich ein – das letzte Mal geschah das im Jahre 2000 – und wird gemeinhin als Osterparadoxon bezeichnet. Auch in der Wikipedia finden wir einen Eintrag dazu.

Demjenigen, der jetzt wie ich einigermaßen ratlos ist, hilft vielleicht ein Blick in die Geschichte. Hier kommt nun auch endlich der religiöse Hintergrund des Osterfestes mit ins Spiel.

Als wesentliche Eckpunkte möchte ich an dieser Stelle aber nur das erste Konzil von Nicäa von 325 und die Gregorianische Kalenderreform von 1582 nennen. Das Ganze ist insgesamt ein sehr spannendes Thema, wobei man auch noch viel, viel weiter in die Materie eintauchen kann.

Das erste Konzil von Nicäa war eine vom römischen Kaiser Konstantin I. im Jahre 325 in der kleinen Stadt Nicäa einberufene Bischofskonferenz, die Grundfragen des christlichen Glaubens – so auch den Termin des in der christlichen Überlieferung bedeutsamen Festes der Auferstehung Jesu Christi – behandelte. Ein Protokoll der Beschlüsse dieses Konzils gibt es wohl nicht, aber es wurde überliefert, dass dieses Konzil in Sachen Ostertermin folgendes festgelegt hat (wohlgemerkt im Jahre 325!):

  • Kirchlicher Frühlingsanfang ist immer der 21. März.
  • Der Frühlingsvollmond, auch „Kirchen-Vollmond“, ist der Vollmond, der bei oder nach diesem kirchlichen Frühlingsbeginn stattfindet.
  • Ostersonntag ist am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond zu feiern.

Dreh- und Angelpunkt ist also der per-definitionem-Frühlingsanfang am 21. März. Der diesem kirchlichen Frühlingsanfang folgende „Kirchen-Vollmond“ kommt in der Osterfestrechnung des Gregorianischen Kalenders dem tatsächlichen astronomischen Vollmond außerordentlich nahe, aber es kann eben Abweichungen geben.

Zudem scheint es hier auch noch eine Rolle zu spielen, um welche Uhrzeit der Vollmond genau stattfindet (und dann bzgl. welches Meridians?), da es ja direkt am 21. März 2019 dem Stichtag des Konzils von Nicäa (um 2:43 Uhr MEZ) einen Vollmond gibt, Frühlingsvollmond aber erst der Mond am 19. April 2019 ist. Im Jahr 1799 hat es ebenfalls am 21. März einen Vollmond gegeben und Ostern war am 24. März 1799. Der Vollmond vom 21. Mörz 1799 fand aber nachmittags um 16:00 Uhr MEZ statt. Weitere Vollmonde am 21. März mit Ostern am darauffolgenden Sonntag gab es zum Beispiel in den Jahren 1856 (um 17:05 Uhr MEZ) oder 2008 (um 19:40 Uhr MEZ).

Der Gregorianische Kalender wurde im Jahre 1582 durch eine Verfügung des Papstes Gregor XIII. in Kraft gesetzt, um die aufgelaufene Abweichung des Julianischen Kalenders vom tatsächliches Jahreslauf der Sonne zu beheben. Mit dieser Kalenderreform wurde außerdem ein für die Osterfestrechnung maßgebliches Rechenschema eingeführt, das die astronomischen Vollmonddaten sehr gut approximiert und frühere Abweichungen auf ein historisches Minimum reduzierte. Mathematischer Kopf dieses Kalenders war der Jesuit Christoph Clavius. In Deutschland wurde der neue Kalender anfangs jedoch nur von den katholisch regierten Ländern übernommen. Die protestantischen lehnten ihn grundsätzlich ab (weil vom Papst angeordnet!). Man beachte die historisch kurz zuvor mit Luthers Thesenanschlag 1517 begonnene Reformation. Das Ganze zumindest führte zum Paradoxon einer doppelten Kalenderführung in Deutschland während des gesamten 17. Jahrhunderts. Im Zuge ständiger akademischer und theologischer Kontroversen hat sich schließlich ein gewisser Erhard Weigel, ein heute kaum bekannter Mathematiker und Astronom an der damaligen Universität in Jena und – interessant! – Lehrer von Gottfried Wilhelm Leibniz, sowohl auf wissenschaftlichem als auch auf politischem Parkett jahrelang und bis zu seinem Tode dafür ins Zeug gelegt, dass endlich auch die Protestanten in Deutschland ihren Kalender dem tatsächlichen Lauf der Sonne anpassen und den neuen Kalender übernehmen. Da aber offenbar tiefe Gräben zwischen Katholiken und Protestanten eine einfache Übernahme des (katholischen) Gregorianischen Kalenders verhinderten und der neue Kalender der Protestanten nicht all zu Gregorianisch aussehen durfte – was er bzgl. des Kalendariums natürlich tat – wollte man sich in der Osterfestrechnung von den Katholiken abgrenzen. Zu dieser Zeit begann die Wissenschaft sich von der Kirche zu emanzipieren und insbesondere die aufstrebenden Naturwissenschaften entwickelten ein neues Selbstbewusssein. In dieser naturwissenschaftlichen Aufbruchstimmung glaubten die trotzdem in ihrem Glauben tief verwurzelten Protestanten unter den Wissenschaftlern mit einer astronomisch korrekten Bestimmung des Osterdatums sogar, bessere Christen zu sein. Sie gingen überdies soweit, dass sie annahmen, die astronomischen Fakten würden sogar den Pabst überzeugen können, die mit dem Gregorianischen Kalender verknüpfte formal rechnerische durch eine auf astronomischen Beobachtungsdaten basierende Bestimmung des Osterfestes abzulösen. Denn es war bereits damals, also vor mehr als dreihundert Jahren, bekannt, dass es durch die zyklische Osterfestrechnung des Gregorianischen Kalenders zu Abweichungen vom astronomisch „wahren“ Osterdatum kommen kann. Die (protestantische) Kalenderreform wurde schließlich 1700 (genau zu dem Zeitpunkt, als die Differenz zwischen beiden Kalendern von 10 auf 11 Tage angewachsen war) und tatsächlich mit einer astronomischen Osterfestrechnung basierend auf den Rudolfinischen Tafeln von Johannes Keplers realisiert. In den Jahren 1724 und 1744 fiel Ostern dann nach katholischer und evangelischer Berechnung auf zwei verschiedene Termine, was dazu führte, dass die evangelischen und katholischen Christen in Deutschland zu unterschiedlichen Terminen Ostern feierten. Auf Veranlassung Friedrichs II. (1712–1786), dessen 300. Geburtstag wir in diesem Jahr mit einem Jubiläumsjahr feiern, wurde schließlich im Jahre 1775, da Ostern 1778 wieder auf zwei verschiedene Termine zu fallen drohte, die astronomische Osterfestrechnung abgeschafft und de facto der Gregorianische Kalender endgültig – auch mit seiner Osterfestrechnung – übernommen.

Ich frage mich nur, wo das Osterdatum in unseren Kalendern heute nun wirklich herkommt. Folgt man (Wer ist hier „man“?) stur dem Gauss’schen Algorithmus zur Berechnug des Osterdatums? Gibt es irgenwo eine internationale Vereinbarung, dass so zu verfahren ist? Wenn das Osterdatum gar nicht der Astronomie folgt, sondern allein durch kirchliche Regeln festgelegt ist, macht sich eigentlich die Kirche heute selbst noch Gedanken um die Datierung eines ihrer wichtigsten Feiertage? Sollte man nicht vielleicht doch lieber den astronomischen Fakten folgen, um glaubenstechnisch dem Inhalt des Osterfestes gerecht zu werden? Gibt es möglicherweise sogar eine Kommision beim Papst, die darüber nachdenkt, in der Festlegung des Osterdatum vielleicht doch den heute genaueren Daten und verlässlicheren Vorhersagen der Astronomen zu folgen?

Damit wünsche ich allen ein schönes Osterfest und besonders schönes Wetter am Ostersonntag zum Ostereiersuchen, womit wir beim eher heidnischen Teil der Bräuche zu diesem Fest sind. 😉

ein paar Links noch zu diesem Thema (keine repräsentative Auswahl!):


The Librarian

Januar 29, 2012

Heute abend bringt SuperRTL ab 20:15 nacheinander „The Quest – Jagd nach dem Speer des Schicksals“ und „The Quest – Das Geheimnis der Königskammer“. Im Original lauten die Titel „The Librarian: Quest for the Spear“ sowie „The Librarian: Return to King Solomon’s Mines“.

Wer würde sich schon einen Film ansehen wollen, der „Der Bibliothekar …“ heißt.

Mit seinem T-Shirt outet sich Flynn, der Bibliothekar, auch noch als Mathe-Fan (Link zur Seite mit dem Bild).

Dialog im zweiten Film: … „We have a Large Collections Annex? Charlene, how big is the library?“ „As big as we need it to be.“ …

Im dritten Film „The Librarian: The Curse of the Judas Chalice“ sagt er: „I think it only fair to warn you that I am a librarian.“


enge gesetzliche Grenzen für öffentlich-rechtliche Onlineangebote ???

November 10, 2011

Der NDR muss beispielsweise die online angebotenen Inhalte aus Radio und Fernsehen nach einer bestimmten Verweildauer wieder aus dem Angebot nehmen, auch wenn diese bereits von den Gebührenzahlern finanziert wurden und Ihnen ohne weitere Zusatzkosten zur Verfügung stehen könnten.

siehe: Warum manche Inhalte nicht mehr online sind

Das verstehe ich nicht …


Was ist an „Social Media“ eigentlich sozial?

Oktober 6, 2011

Diese Frage stellte sich mir im Laufe der Recherche nach Literatur zu diesem Thema. Dabei sprangen wir Worte wie Marketing, Management, Erfolgsfaktoren, Public Relations, Vermarktung, Musikindustrie, Sportartikelindustrie, Profifußball, Kundenakquise, Kosten-Nutzen-Analyse, Markenbildung, Business etc. entgegen. Die Ergebnisse schienen Unmengen an kommerziellem Material zu enthalten – was ich nicht unbedingt mit dem Wort „sozial“ in Verbindung bringe, sodass ich schließlich versucht habe, meinen ersten Eindruck ein wenig mit Zahlen zu überprüfen. Hier das Ergebniss (Stand heute Vormittag).

Die folgenden Zahlen beziehen sich zum einen auf das Backend des Bibliothekssystems an meinem Arbeitsplatz (erste Zahl) und zum anderen auf die Trefferzahlen, die man mit der gleichen Abfrage im Gemeinsamen Verbundkatalog des GBV erhält (zweite Zahl).

Insgesamt erhielt ich 665/422 Treffer mit der Wortfolge „social media“ im Titel. Dann habe ich versucht, meine Suche auf Bücher einzuschränken und damit andere Medientypen, wie zum Beispiel Zeitschriften oder einzelne Artikel auszuschließen. Das lieferte immerhin noch 416/225 Treffer. Gut die Hälfte davon (genau 224/139 Treffer) hatten Worte oder Wortanfänge wie Marketing, Business, Geschäfts, PR, Public Relations, Management, Branding, Marken, Kunden, Customer, Sport, Musikindustrie, Finanz, Markt, Market, Tourismus, Tourism, Hotel oder Unternehmen im Titel.

Treffer mit der Wortfolge „social media“ und einem Wort, welches mit „lern“, z.B. Lernen und Lernkultur, oder „learn“, z.B. Learning, beginnt, im Titel gab es lediglich 9/4. Mit dem Zusatz „kommunikation“ oder „communication“ zu „social media“ bin ich immerhin noch auf 30/15 Tiel gekommen, darunter aber auch soetwas wie „Social Media – das Kommunikationsverhalten der Digital Natives : der Einfluss auf die Werbung am Study Case der Marke Falk auf Facebook“.


Das heutige Google-Doodle …

August 17, 2011

… thematisiert den großen Fermatschen Satz mit einem Google-Kreide(!)-Tafelbild samt Formel. Der dahinterliegende Text lautet „Ich habe hierfür einen wahrlich wunderbaren Beweis gefunden, doch ist dieses Doodle zu schmal, um ihn zu fassen.“


Der vifaMATH-Knoten …

Juni 10, 2011

… zum Mitnehmen soll klarer Favorit bei den Werbegeschenken gewesen sein. Wo? Am Stand von vascoda auf dem 100. Bibliothekartag, der heute in Berlin endet.

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Vielen Dank an Jens Wonke-Stehle.


Kompliment von Google

Mai 4, 2011

Die von Google über mich ermittelten Interessen auf dieser Webseite verraten mir, dass das Internet jung hält:

Basierend auf den von Ihnen besuchten Websites kommen wir zu dem Schluss, dass Sie hauptsächlich an Themen interessiert sind, die für Personen im Alter von 25-34 Jahren interessant sind.

Aha!